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Samstag, 13.März 2010, 20:30 Uhr, Klarakirche Nürnberg>>Es wäre gut, dass ein Mensch würde umbracht für das Volk...<<Johann Sebastian Bach - Johannespassion ... Eine CHOReografie Die Passionsgeschichte in ihrer überzeitlichen Bedeutung als Beispiel für gesellschaftliche Mechanismen und widerstreitende Interessen erzählt...aus der Perspektive des Volkes...der CHOR mitten im Publikum, agierend...Grenzaufhebungen und Grenzüberschreitungen...die Kraft der Menge spürbar...neue Höreindrücke...letztlich: Eine Geschichte des Menschseins...jeder von uns ein Petrus, ein Judas, ein Pilatus...? Lesen Sie unten mehr über das Projekt! Ensemble Belcanto Nürnberg - CHOR in Zusammenarbeit mit der Offenen Kirche St. Klara
Sonntag, 14.März 2010, 19:30 Uhr, ev.-ref. Hugenottenkirche Erlangen>>Es wäre gut, dass ein Mensch würde umbracht für das Volk...<<Johann Sebastian Bach - Johannespassion ... Eine CHOReografie in Zusammenarbeit mit der ev.-ref. Kirchengemeinde Erlangen
Gedanken zum Projekt und Hintergründe - von Antje LangnickelÜber 2 Jahre sind vergangen vom ersten Gedanken an eine Produktion der Bachschen Johannespassion bis zur heutigen Aufführung. Alles begann damit, dass wir – Belcanto und ich – das Bedürfnis hatten, uns an ein großes Programm zu wagen. Bald war auch klar, dass es die Johannespassion sein sollte. Weil Belcanto von Anfang an als Chor galt, der die Nähe zwischen Publikum und Ausführenden wagte, war in meinem Kopf als Coach des Chores beinahe sofort der Gedanke präsent, die dramatische Anlage des Werkes exakt zu verfolgen. Damit rückten wir alle so nah an unser Publikum wie noch nie. Im Lauf der langen Probenzeit eröffnete sich uns ein Kosmos der inhaltlichen Deutungen der Passionsgeschichte und wir erkannten, wie wunderbar sich das Werk mit seinen Kernaussagen und der Chor mit seiner Idee der Publikumsnähe füreinander eigneten.Auf unserem Weg trafen wir den Tontechniker Conny Konrad, der seit Jahren ähnliche Gedanken zur Johannespassion und ihrer Aufführung mit sich herumtrug. Conny und ich bestritten fortan die Ausformung der Ideen gemeinsam, immer rechtzeitig gebremst oder angetrieben von unserem Chor, aus dem mittlerweile die Ideen auch nur so sprudelten.Der Chor hat in der Passionsvertonung, wenn sie konzertant dargeboten wird, eine Doppelrolle: er verkörpert das Volk in den Turbachören und zugleich in den Chorälen die gläubige Gemeinde. Er hat so einerseits die zentrale dramatische Rolle in der Handlung und andererseits reflektierende Funktion.In dieser Aufführung liegt der Fokus auf der dramatischen Handlung. Der Chor ist Volk, eine aufgewiegelte Menge, die in Bewegung gerät und dabei unaufhaltsame Kräfte entwickelt. Er ist das zentrale Element der Handlung. Wenn der Chor aber Volk ist, dann muss er folgerichtig auch ins „Volk“ versetzt werden, also mitten unter die Zuhörer. So geschieht es in dieser Aufführung. Ich empfinde dies alles in Bachs Musik angelegt. So versuchten wir, eine bewegte Form der Aufführung zu finden, die die Dramatik der Geschichte und der Musik direkt umsetzt, ohne etwas hinzuzutun. Die Bilder, die dabei entstehen, lassen Interpretationsspielraum für jede Hörerin und jeden Hörer. Die fordernde, schreiende Volksmenge ist in Geschichte und Musik das zentrale Element. Das gab der Produktion den Namen „CHOReografie“. Chorisches Agieren im Sinne der Handlung und der dahinter liegenden Mechanismen.Daher wird nicht der Chor die Choräle singen, sondern ein solistisch besetztes Quartett aus dem Chor. Um dies zu verstehen, muss ich wenig auf eine Deutung der Passionsgeschichte eingehen. Sie bietet unendlichen Raum für theologische und persönliche Auslegungen. Ich möchte hier über die Deutungsmöglichkeiten sprechen, die dieser Aufführung das Gesicht geben.Die Passionsgeschichte ist für Christen einer der wichtigsten Glaubenstexte. Wie aber alle bedeutenden Texte geht auch dieser weit über die religiöse Bedeutung hinaus. Er ist so gesehen ein berühmtes Beispiel für gesellschaftliche Mechanismen, Interessenskonflikte und menschlichen Dramen. Hohepriester, Schriftgelehrte, Machthaber und „Juden“ als Beispiel für eine Volksmenge verfolgen unterschiedliche Absichten und stehen sinnbildlich für gesellschaftliche Konflikte. Jesus gefährdet die bestehende gesellschaftliche Ordnung mit seinen neuen Ideen von Liebe und der Gleichwertigkeit aller Menschen.Petrus steht für einen jungen Menschen, der seinem Vorbild und Lehrer mit glühendem Herzen nachfolgt und bereit ist, alles für ihn zu geben. Dabei überschätzt er sich. Er wird in der Nacht mit seinem eigenen Scheitern konfrontiert und sich seiner Grenzen bewusst.Judas hat ein ebenso glühendes Herz. Er erwartet ungeduldig die großen Veränderungen, die Jesus verkörpert, versteht jedoch nicht, dass dies innere Veränderungen sein werden. Ungeduldig versucht er, durch seinen Verrat Jesus zum Handeln zu bewegen. Der Plan schlägt fehl, sein Lehrer stirbt am Kreuz. Judas erträgt die Schuld nicht und begeht Suizid. Er steht für einen ungeduldigen jungen Kämpfer in der Gesellschaft.Pilatus, der Statthalter von Rom, ist der Politiker, der dem Druck des Volkes erliegt. In ihm kämpfen persönliche Karriereinteressen – er sucht Roms Gunst – mit Gefühlen der Menschlichkeit. Pilatus erkennt Jesu Weisheit und Größe, muss jedoch in seiner Region Ruhe halten. Der Interessenskonflikt macht ihn erpressbar: „Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht!“Im Volk finden sich alle oben genannten Interessensgruppen und weitere, die in jeder Menge zu finden sind: diejenigen, die gerne mal Stimmung machen, die, die alleine anders agieren würden und die, die zwar durchaus die Fähigkeit zur Reflexion haben, aber aus verschiedenen Gründen immer wieder von der Kraft der Masse mitgerissen werden.Unser Choralquartett verkörpert genau die zuletzt genannten. Sie singen sowohl die betrachtenden Choräle als auch die dramatischen Volkschöre mit, tauchen also immer wieder in der Menge unter.Diese Aufführung hebt Grenzen auf. Sie nimmt Sie als Publikum mit hinein in das dramatische Geschehen. Dabei nimmt sie auch neue Hörvarianten in Kauf. Möglicherweise hören Sie denjenigen, der in Ihrer unmittelbaren Nähe singt, zeitweise lauter. Achten Sie auf Ihre eigenen Empfindungen. Sind Sie gerührt? Sind Sie vielleicht befremdet? Macht es Ihnen zeitweise zu schaffen, dass Sie nichts sehen, weil jemand vor Ihnen steht? Empfinden Sie die Nähe des Chores als Grenzüberschreitung?Nun: Willkommen in der Menschenmenge…Auch für uns Ausführende bedeutet diese Art des Agierens – es ist nicht ein Schauspielen – eine Herausforderung: wir stellen uns der Nähe zu Ihnen, auch wir halten die Grenzüberschreitungen aus. Das macht uns angreifbar und verletzbar. Aber so entsteht wirkliche Nähe. Jede und jeder zeigt sich, wie sie und er ist. Mit allen Stärken und Schwächen.In den Proben war bereits spürbar, dass daraus die bewegende Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit dieser Aufführung entsteht, die nicht nur der Qualität des Werkes J.S. Bachs huldigt, sondern sich auch in tiefem Respekt vor der spirituellen Bedeutung der Passionsgeschichte verneigt.Die Handlung und diese Aufführung: Beide sind eine Geschichte des Menschseins. |
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